Mar 2
„Captain Memory“ und die Welt des Vergessens
„Captain Memory” kann ein kurzes Stück Erinnerung aus dem Gedächtnis anderer Akteure der Comicwelt löschen. Er erinnert sich dabei an etwas Bestimmtes und das nächste Panel ist leeres, farbloses, ja sogar ungebleichtes Papier. Dann klettert die Figur zwischen den Panels in dem Rahmen umher und füllt dabei die blanken Panels mit existenzialistischen Gedankenblasen.
Er findet den Autor des Werkes und beginnt sich mit ihm zu streiten. Dabei gelingt es der Figur seinen Autor in das Werk zu ziehen, sodass sie sich schließlich zusammen beiden im Heft gezeichnet befinden. Die Figur des Autors wird von der Comicfigur bedroht: in der direkten philosophischen Auseinandersetzung zwischen den beiden wird die Comicfigur zum Antiheld: „Captain Memory” will sich das Leben nehmen, da ihm sein Dasein als Comicfigur lächerlich erscheint. Aber vorher will er die gefangen genommene Figur des Autors zu Tode quälen, da dieser ihn nicht Selbstmord begehen lässt.
Der Autor will nicht über die Leser sprechen, weil er sie nicht kennt. Die Figur behauptet hingegen, den jeweiligen Leser zu kennen, da sie genauso ein Teil von diesem ist, wie sie Teil des Autors ist. Deshalb verbündet sich die Comicfigur mit dem Leser gegen den Autor und überredet diesen das Heft wegzulegen, da der Autor nur seine geisteskranken Wahnvorstellungen mithilfe der Story und der Zeichnungen ins Gehirn des Lesers einspeisen will. Der Autor verteidigt sich dagegen mit magisch-hypnotischen Beschwörungsformeln, und zwingt damit den Leser die Geschichte weiter zu lesen. So zögern sie gegenseitig ihr eigenes Ende hinaus und halten den Leser hin, wobei dieser aber durch die Nichtigkeit der Handlung so verwirrt wird, dass er selbst den Zauber des Vergessens der Comicfigur und die Hynose des Autors zu spüren beginnt.
Im Comic kommt es nun zu Zeitsprüngen in der Geschichte, die durch die Nummerierung der Blattseiten gekennzeichnet werden. Die Figur klettert nun nicht mehr nur zwischen den Fenstern auf einem Blatt umher, sondern auch zwischen den Seiten des Heftes und über diese hinaus auf das Cover und ins nächste Heft.
Die Folgen der Serie enthalten sich nun selbst: so hat die Welt der Comicfigur ihre eigene Ausgabe von dem Comic „Capain Memory” die von diesem auch gelesen wird. Er meint deswegen oft mehr vom weiteren Verlauf der Geschichte zu wissen als der Autor. So liest er ihm den Verlauf einer Serie als Diktat vor. Dabei verrät er private Geheimnisse des Autors, die dieser nie preisgeben würde.
Die Comicfigur ist allerdings selbst recht vergesslich und sehnt sich romantisch nach seinem unschuldigen Dasein als naive Figur, bevor sie noch von den Grenzen des Comics und der Welt da draußen wusste. Das gefangen genommene Model des Autors in der Comicwelt ist ein weiblicher Maso-Messias der die Figur des Sado-Captain Memory zu Glückseeligkeit und dem Frieden mit sich selbst führen will. Die Figur wirft ihr aber vor ein Schmarotzer zu sein, gleich dem Autor dessen Phantasiebild sie ist, da beide in dieser Geschichtenwelt und Phantasie lebt, anstatt in ihrer eigenen Realität wie die Comicfigur in ihrem Comic. Weiters können sie ja nur solange genießen und Gott spielen, solange der Autor in seiner Phantasie schwelgt und der Leser ihm dabei folgt. Er will das Heil des Autors nicht, wehrt sich gegen die Schönfärberei, spornt den Leser zu Akten des Terrors gegen den Autor an. Da der Leser aber durch sein lesen dem Autor unterliegt, schimpft er ihn und nennt ihn ebenso schwach, wie den Autor. Wenn der Leser aber tatsächlich nicht weiter liest, hat er den erwünschten Selbstmord gegen den Willen des Autors durchgesetzt und damit gewonnen.
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